Über Friedl Brehm

Diese Textauszüge sind entnommen dem Buch "Ketzer, Käuze, Kommödianten" von Bernhard Setzwein, (Kapitel "Immer gegen die Machthaber").
 

Friedel Karl Brehm wurde am 21.Mai 1917 geboren, "mit tagelanger Verspätung haarscharf zur offiziellen Besuchszeit und dazu mit acht Jahren Abstand als zweiter Sprößling bayerischer Eltern – so gleich mit der bayerischen Staatsangehörigkeit versehen – zu Duisburg im damals noch kaiserlichen und königlich preußischen Kohlenpott, wo ich bis zum Abitur aushalten mußte." (Friedl Brehm).

Diese Geburtsurkundeneintragung "Duisburg" wurde ihm immer wieder unter die Nase gerieben: Typisch, ein "Preiß" muß sich als Förderer und Bewahrer bayerischer Eigenarten aufspielen. Dieser ironische Unterton begeht einen zweifachen Fehler: Erstens: Wenn man sich schon, wie auch im Falle Brehms geschehen, mokant darüber äußert, daß erst einer aus Duisburg kommen muß, um die bayerische Mundart literarisch wieder aufzuwerten, dann sollte man sich weniger über die "Einmischung von außen" pikieren als über die "stammeseigenene Unterlassungssünden". Und zweitens urteilt man in den meisten Fällen voreilig. Friedl Brehm stammte aus einer alten, traditionsreichen Würzburger Familie, beide Großväter waren königlich-bayerische Hoflieferanten.

Nein er war eher ein Entwurzelter, der in einem – vom Herkommen seiner Eltern – fremden Sprachraum aufwuchs, wo er nie richtig Fuß faßte. Er wurde zwar stets als Bayer gehänselt, hatte aber nie diesen verräterischen fränkischen Zungenschlag. Ich könnte mir sogar denken, daß dies in einem solchen Elternhaus verpönt war. Jedenfalls muß er unter dieser sprachlichen Heimatlosigkeit gelitten haben. Deshalb auch das lebenslange Bemühen um die verlorene Muttersprache. Viel später noch, im Rückblick auf 25 Jahre Friedl Brehm Verlag, erklärte er:

Daß eine wesentliche Komponente die Publikationen in bairischer Sprache sind, ist eine klare Reaktion auf mein Kindheitserlebnis: ohne eigene Sprache, in einem fremden Sprachraum aufgewachsen, in der Schule immer als "Bayer" oder "Ausländer" bezeichnet, mußte sich so etwas in einem Charakter wie mir ausprägen.

Verschlagen hatte es ihn deshalb in dieses "Exil", weil der Vater, Hans Brehm, Diplomingenieur, Direktor der Hütte "Gute Hoffnung" in Duisburg-Walsum wurde.

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Sein Elternhaus war einigermaßen wohlhabend und vornehm. Friedl und der acht Jahre ältere Bruder Franz wurden von einem Kindermädchen erzogen. Die Mutter Dora, geborene Vogt, ging ganz in ihrer Rolle der Direktorsgattin auf, widmete sich mehr den ihrer Stellung gemäßen Festivitäten, Empfängen und Einladungen als den Kindern.

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Seine frühe Verfallenheit an die Literatur dürfte kaum das volle Verständnis seiner ganz auf äußere Repräsentation bedachten Umgebung gehabt haben.

Man macht sich gemeinhin keine rechte Vorstellung davon, welche Offenbarung für manchen die erste Begegnung mit Büchern sein kann. Der auffällig kleinwüchsige ... Friedl galt als zurückgezogenes, einzelgängerisches Kind. Jahrzehnte später entdeckte Friedl Brehm in einem Antiquitätenladen ein ovales, bemaltes Holztäfelchen, einen kleinen Buben in kurzen Lederhosen darstellend, der an einem Bach sitzt und versunken auf einer Flöte spielt: Er erinnerte sich sofort an den Maler, der den kleinen Friedl an einem Seitenarm des Rheins als "Modell" für eine oberbayerisch gefärbte Idylle nahm.

Dieses Bild vom einsam Kind, das ganz in seine bescheidene Kunst, das Flötenspiel, versunken ist, scheint mir sehr zutreffend zu sein für seine ganze Kindheit und Jugend. Wer vom Hauptstrom nicht aufgenommen wird, der hockt sich an stillgelegte Seitenarme und spinnt sich ein in ein Leben, wie's im Buch steht. Diese einmal eingeübte Münchhausiade, sich aus dem Sumpf des, später für ihn ja mörderischen Alltags zu ziehen, nützt das ganze Leben hindurch. In den Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, die während des Kriegs entstanden, ist dies die dominierende Mitteilung: Die Kunst, die Literatur, sie erhalten am Leben.

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"Herrgott, ich möchte endlich kulturell schaffen können (...), herzensgern ein großer Kunstförderer sein", heißt es im "Allgäuer Tagebuch". Und bereits im Abiturzeugnis vermerkt der 19jährige in der Spalte Berufswunsch: Verleger. Man kann nun einwenden, das sei der Jugendtraum eines idealistischen Sohnes aus betuchtem Hause, sich als Mäzen unsterblich zu machen. Aber erklärt das, wie einer so fanatisch sein kann, 27 Jahre lang einen Verlag zu betreiben, der nur rote Zahlen schreibt? 27 Jahre lang von trockenem Brot runterzubeißen (was keine Metapher ist: Friedl Brehm schien sich tatsächlich von schwarzem Kaffee, Zigaretten und einem gelegentlichen Kanten Brot zu ernähren!), um sich eine zwar ehrenwerte, aber auch leicht "gspinnerte" Idee leisten zu können: einen Verlag, der ganz offensichtlich nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten geführt wurde, sondern aus Liebhaberei? Er wollte seine Autoren, von denen, bevor er sie verlegt hatte, niemand ein Wörtchen gelesen hatte, in die literarische Öffentlichkeit hieven, und das – im wahrsten Sinne des Wortes – "koste es, was es wolle".

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Friedl Brehm hat erst spät begonnen, sich seinen Jugendtraum, Verleger zu werden, zu erfüllen. (Deshalb mußte er später um so rigoroser alles auf eine Karte setzen.) Als er den Verlag gründete, war dies auch eher zufällig als geplant. Er war kein berechnender Mensch, er reagierte eher situationsabhängig. Und erhatte eine Arbeitskraft wie ein Ochse, immer aber auch mit gesenktem Kopf, d.h. stur durch die Mitte durch, ohne Momente des Innehaltens, des Sicher-Vergewisserns. Er kam schlicht und ergreifend nicht eher dazu, seinen Verlag zu gründen, weil er zu "wuslert" war, zu sehr auch Zeitungsmensch (er studierte nach dem Krieg neben x anderen Fächern auch die Zeitungswissenschaften), weil er überall dabei sein mußte, sich in politische Arbeit stürzte (er war u.a. Mitglied des "Bayernbundes") und 1955 seine erste feste Redakteurstelle bekam. In den Jahren nach dem Krieg trieb ihn vor allem die Frage nach der Zukunft Bayerns um, er raunte später noch andeutungsweise etwas von einer Geheimmission, für die er unter anderem nach Würzburg unterwegs gewesen sein soll: Es ging wohl um die Abkopplung Bayerns als souveräner Staat. Damit ist ein Kapitel aufgeschlagen, das bei Friedl Brehm mit zu den großen Rätseln gehört: sein politisch-weltanschaulicher Standpunkt. Noch während der Studentenjahre schloß er sich monarchistischen Kreisen an und wurde später Mitglied des "Bayernbundes", einer Dachorganisation bayerischer Royalisten. Ein Teil der "Königstreuen" hatte ein dezidiert föderalistisches Programm, das neben der Restauration der Monarchie auch die Eigenstaatlichkeit Bayerns vorsah. Dieser separatistische Flügel des einstigen "Bayerischen Heimat- und Königsbundes" schloß sich denn auch der "Bayernpartei" an, die der CSU (der machtvollen Anti-Bayern-Partei) eine Zeitlang gefährlich wurde, bis sie von ihr in der Spielbanken-Affäre endgültig "hingemeuchelt" wurde. Der nachrückende "Bayernbund" aber konnte der allmächtigen CSU nichts mehr entgegensetzen. Seine Forderungen hatten eher die Funktion eines weiß-blauen Feigenblattes.

Friedl Brehm spielte beim "Bayernbund"zunehmend die Rolle eines Advocatus Diaboli, der die Mitglieder- und Vorstandsversammlungen mit Geschäftsordnungsdebatten und formalistischen Anträgen zur Weißglut bringen konnte. Dennoch duldete man ihn, schließlich war er seit 1958 der alleinige Redakteur der Partei-Zeitung "Weiß-blaue Rundschau". Dort "schmuggelte" Brehm allerdings nach und nach ganz anderes Gedankengut ein, und 1982 kam es zum großen Krach, woraufhin Brehm aus der "Weiß-blauen Rundschau" ausschied. Bezeichnenderweise war der Stein des Anstoßes ein Artikel, in dem er Linke, die von Berufsverbot und Radikalenerlaß bedroht waren, in Schutz nahm und solche Maßnahmen eher für Rechtsradikale forderte.

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(...) vor Machthabern gibt es keinen Kotau und für selbstsüchtige und machtlüsterne Paragraphenreiter und Phrasendrescher die geistige Peitsche; ein Halt – und das mit Nachdruck – soll nur dem zugerufen werden, der es darauf absieht, den anderen Mitmenschen, andere Art, ihm fremdes Sinnen und Trachten zu unterdrücken, gleich in welcher Weise und Manier; jeder hat das Recht, auf seine Façon zu fühlen, zu denken und zu leben und derart mit anderen, wenn er bzw. wenn sie damit niemandem sonst Gewalt antun, und sie haben ein Recht darauf, anerkannt und respiektiert zu werden. (Friedl Brehm: Vorstellen sollte ich. In: Edelgammler, 1968, Heft 2, S.3.)

So stellte der Verleger Friedl Brehm seine neugegründete Verlagszeitschrift "Edelgammler" vor – der etwas hausbackene Titel sollte dem Erscheinungsjahr Rechnung tragen: 1968. Die nonkonformistische, freidenkerische Sicht des "Gammlers" sollte zu der des "Edlen" erklärt werden, der die Korruption, vor allem auch die geistig-intellektuelle, nicht mitmacht. Die 68er-Bewegung und das Hippie-Aussteigertum hatten auch den damals bereits 51jährigen erfaßt; man sah ihn seit den Tagen der Ostermarschierer nur mehr mit dem Peace-Zeichen an einer Halskette. Doch schon die relativ harmlosen Sticheleien mit der Waffe der Satire (anderswo probte man 1968 schon den revolutionären Umsturz!), auf die sich Friedl Brehm zusammen mit seinen Mitarbeitern in dieser Zeitschrift beschränkte, war anderen damals Anlaß genug, um das Recht, zu denken und zu schreiben, wie es seiner Façon entsprach, streitig zu machen. Friedl Brehm wurde durch den "Edelgammler" eher zum "elenden Gammler"; er verlor wegen dessen Angriffslust seinen festen Redakteursjob und schlug sich fortan als freier Lokaljournalist durchs Leben.

Aus Kulanz setzte ihm später die "Süddeutsche Zeitung", für deren Starnberger Lokalredaktion er viele Jahre geschrieben hatte, eine Pension aus. Endlich sollte er sich nur mehr seinem Verlag widmen können, den er 27 Jahre lang neben seinem Brotberuf und mit ständigem Drein- und Draufzahlen seiner Journalistenhonorare über Wasser gehalten hatte. Ein halbes Jahr nach der mit Bangen erwarteten Pensionsbewilligung starb Friedl Brehm, am 8. April 1983. Sein Organismus, den er jahrzehntelang durch die Doppelbelastung des Journalisten und "Freizeitverlegers" ausgepowert hatte, gab innerhalb von Wochen mehr und mehr auf: ein wahrscheinlich jahrelang unbehandelter Diabetes wurde entdeckt, das Herz ließ nach, die Nieren versagten. Noch im Krankenhausbett, an das er wochenlang bis zu einem qualvollen Ende gefesselt war, korrigierte er Druckfahnen, plante er neue Projekte...

Dieser Verlust einer gesicherten Redakteurstelle, "nur" des Starrsinnes wegen, eine Zeitschrift nicht aufgeben zu wollen, die einigen Herrschaften etwas zu aufmüpfig war, ist nur eines von vielen Beispielen dafür, wie Friedl Brehm alle drohenden Nachteile in Kauf nahm, um seinem Lebensmotte "Immer gegen die Machthaber" treu zu bleiben. Für uns junge Autoren, die wir seit 1968 nach und nach zu diesem Verleger – zwangsläufig – fanden, schien dieser Titel einer seiner Veröffentlichungen über Ludwig Thoma fast so etwas zu sein wie ein Leitspruch über der ganzen Person und ihrer Existenz: Wir lernten ihn nie anders kennen, als immer gegen die eingestellt, die die Macht ausüben, die die Oberhand behalten, die prosperieren und Karriere machen, während andere, Benachteiligte, ein ewiges Schattendasein führen. Auch sein Programm als Verleger definierte sich geradezu aus diesem "Immer gegen die Machthaber", in diesem Fall die Machthaber der mundartliterarischen Szene:

Probleme und Pläne waren immer die: Der Jugend irgendwie eine Bresche zu schlagen, also der literarischen Jugend, weil ich zu oft erlebt hab, wie etablierte Verlage, aber auch vor allen Dingen etablierte Autoren mir unverständlicherweise zu verhindern suchten, daß der Jugend eine Plattform geboten wurde. Die Auseinandersetzung hatte vielfältige Folgen, man warf mir immer vor, ich würde zu sehr die Progressiven oder die Linken bevorzugen, das war aber nur eine Reaktion, weil die Altetablierten einfach verhinderten, daß die Jungen auch eine Plattform bekamen. Das ging an von den Literaturzirkeln in München, die trotz aller Hinweise, allen Bittens und auch Bettelns den jungen Autoren einfach keine Gelegenheit zum Auftreten gaben.

Alles an Friedl Brehm war darauf angelegt, Widerspruch zu erwecken – ein Zug, der gewiß auch etwas trotzig Infantiles hat; daß Friedl Brehm jemals "erwachsen", geschweige denn altersweise gewesen wäre, läßt sich schwerlich behaupten. Er trotzte noch den unabänderlichsten "Naturgesetzen", so hab ich ihn z.B. nie einen Mantel und selbst im tiefsten Winter nur Sommerkleidung tragen sehen. Er wollte der ewig Rebellierende bleiben, ein "Mundartrocker", wie ihn Felix Mitterer in seinem Nachruf beschrieb, "der schulterlange, weiße Haare trägt, auf der Brust ein Friedensabzeichen, dazu Bluejeans und Holzpantoffeln". Nichts bereitete ihm mehr diebische Freude, als gedankenlos vorgefaßte Erwartungen zu enttäuschen, besonders die an einen Bavarica-Verleger mit Gamsbarthut und Grandeln vor der "Wampen". "Da wo Literatur krawattenpflichtig ist und wo man nur leise auftreten darf, hätten ihn die Museumswächter nicht hineingelassen", meinte sein Autor Josef Wittmann. Und wo Tracht Kostümzwang war – was ja lange Zeit bei Mundartabenden der Fall war -, da wurde allein sein Ein- und Auftreten ein Ärgernis.

Und dennoch: Obwohl er mit seiner Erscheinung sichtlich bemüht war, den braven Bürger zu schrecken, nahm sich das alles doch eher spitzbübisch als wirklich provokant aus. Dazu trug zum Beispiel auch seine beinahe k.u.k.-mäßige Kavaliers-Mentalität bei: So kam es nicht selten vor, daß dieser grauhaarige Revoluzzer in Jeans bei einer Abendgesellschaft in Frack die Damen mit "gnäd'ge Frau" und Handkuß gegrüßte. – Er liebte die Brüche und das Unkonventionelle. Er verachtete das Dogmatische und die herablassenden Gesten der Mächtigen. Nach etlichen Jahren Arbeit als Verleger und später dann auch als Gründer und Vorsitzender des Vereins der "Mundartfreunde Bayerns" schien man an höchster Stelle der Meinung zu sein, diesen "skurrilen" Einzelkämpfer nun doch einmal ermunternd auszeichnen zu müssen. Ministerpräsident Alfons Goppel ließ ihm einen Silberteller in "Anerkennung der Verdienste um die bayerische Mundart" überreichen. Friedl Brehm, ganz rebellischer Franke, der er war, hängt die Auszeichnung in seine Küche und sprach nur vom "Suppenteller".

Mit diesem Bild eines aufmüpfigen Querschädels also begann ich nach seinem Tod, im Nachlaß zu blättern, in seinen Tagebüchern, seinen eigenen literarischen Versuchen. Mir dämmerte, doch eigentlich einen nur sehr kleinen Ausschnitt seiner Biographie – 7 von 66 Jahren – aus eigenem Erleben zu kennen. Für mich war Friedl Brehm in erster Linie, wie für andere junge Autoren aus seinem Verlag auch, derjenige, der langfristig die Voraussetzungen schuf für eine Existenz als freischaffender Autor. Sein jahrelanges Beharren, die Bücher "seiner", am Anfang völlig unbekannten Autoren unbeirrt zu verlegen, auch wenn der wirtschaftliche Aspekt dabei schlicht ruinös war, ermöglichte dies. Er war einfach das was man früher einen Mäzen nannte.

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Wenn man sich nur mal sein Verlagsprogramm anschaut, erkennt man doch sofort: Toleranz war hier wirklich nicht nur ein Lippenbekenntnis. Was hier an antagonistischem nebeneinander Platz hatte, beweist, daß der bayerische Spruch "Leben und leben lassen" mehr bedeuten kann als die kaschierte Formel der Großkopferten, für "Wir haben die Macht zu leben, wie wir wollen, wie's dabei dem Rest geht, ist uns wurscht".